Es war einer dieser frostigen Tage. Naja, eigentlich waren es gleich drei davon. Nicht aufeinander folgend, sondern alle über diesen überraschend kalten und langen Winter verteilt. Aber alle drei haben sie mir etwas vor Augen gehalten. 
An dem einen bin ich abends auf meinem Weg nach Hause unglücklich gestürzt und hab mir einen Bänderriss zugezogen. Ich wusste es sofort – das Gefühl, dass mein Körper nicht standgehalten hatte, dass ich wieder nur unter starken Schmerzen meine Wohnung erreichen würde und dass ich länger auf Hilfe angewiesen sein würde. Das alles spülte alte schmerzliche Erinnerungen hoch. Ich war nicht in der Lage die Notaufnahme aufzusuchen. So verbrachte ich die Nacht halb wachend, halb weinend mit Eispacks um den Fuß, bis ich mich gesammelt hatte und am nächsten Morgen ein anderes Krankenhaus anlaufen konnte, das keine so schlechten Erinnerungen barg. Dort konnte ich für mich sorgen, indem ich einer verständnisvollen Schwester meine Lage erklärte und sie mich über die kommenden drei Stunden mit kümmernden Blicken und hilfreichen Fragen begleitete und wirklich unterstütze und mir allein schon durch ihr Verständnis half, die Situation zu bewältigen.

An einem anderen Tag habe ich unter Schmerzen an der Bushaltestelle sitzend eben diesen lädierten Fuß hochgelegt und mich mal wieder gefragt; „Nehme ich hier zu viel Platz ein?“ Wohl wissend, dass mein Rucksack auf dem Rücken den verbliebenen Rest der eh schon kurzen Bank unter dem schützenden Dach arg reduzieren würde, hatte ich ihn bereits auf meinen Beinen platziert. Ich umarmte ihn, als würde ich mein früheres, jüngeres Teenager-Ich halten, das viel zu oft mit einem Bänderriss am Spielfeldrand auf der Bank gesessen hatte.
Mit Mütze, Kapuze und Handschuhen der Kälte trotzend sah ich einen Bus nach dem anderen kommen und gehen, Passagiere, die die Linien wechselten, während ich gedankenverloren auf die Anzeige starrte, nur um mich zu fragen ob Zeit nicht doch auch gefrieren kann, wenn es nur kalt genug wäre… Bis ein Mann aus einem der Busse ausstieg und mich musterte. Erst gab es eine Frage zur Kälte, wie ich da so saß. Dann zum Bein. Ein gut gemeinter Rat folgte dem nächsten. Von diesem Physiotherapeuten, wie sich herausstellte, war ich irgendwie genervt. Dachte; „Wieder jemand, der genau weiß und vor allem bestimmt besser als ich, was ich brauchte.“ Ich hatte nicht nach einem Ratschlag gefragt, wollte dennoch nicht unhöflich sein und sagte knapp, dass es ein Bänderriss sei. Verständnisvolles nicken. Dann die Frage nach den Schmerzen. Mir rollten Tränen die Wangen hinunter. Nicht nur wegen meines Fußes. Auch zwischenmenschlich hatte sich einiges ereignet, dass ich noch nicht verarbeitet hatte. Und jetzt hier fühlte ich mich einfach hilflos und einsam inmitten dieser eisigen Umgebung und unzähliger Menschen, mit denen es keine Verbindung, keinen echten Kontakt gegeben hatte. Bisher. Wir tauschten ein paar Sätze, bis sein Bus kam. Am liebsten hätte er mich unter seiner Aufsicht mit hinein gehievt, aber mein Weg war ein anderer. Er stieg ein und als der Bus abfuhr winkten wir uns doch auch dankbar durch die hinteren Fenster zu.

An dem letzten dieser besonderen drei Tage begleitete mich goldener Sonnenschein und ich war Teil einer Jubiläums-Veranstaltung, bei der ich trotz der Einschränkung mit dem Fuß und einer abklingenden Bronchitis, die mich bereits einige Wochen in Atem gehalten hatte, eine Yoga Stunde geben durfte. Ich hatte Probleme ohne Hustenattacken zu reden, die Positionen konnte ich nur verbal anleiten, da mein Fuß noch nicht voll belastbar war und auch die anderen Stunden, an denen ich teilnahm musste ich meinen dortigen Bedürfnissen anpassen.
Und da dachte ich an eine meiner ersten Stunden in der Aufbau-Ausbildung, bei der es unter anderem auch um die innere Ausrichtung und unser mind set ging: „Sit with it!“, war ein Satz den ich seitdem immer wieder mal hervorkrame, wenn es notwendig ist. 
Meistens versuchen wir den unangenehmen Situationen ja auszuweichen, sie abzukürzen oder schlicht auszublenden was wir nicht sehen wollen. Aber wenn wir uns in den Momenten, in denen wir wirklich auf uns selbst zurück geworfen sind, nicht aus dem Moment heraus stehlen, was hier ja auch nicht nur metaphorisch nicht ging, sondern uns bewusst für das Dableiben entscheiden, dann können wir heilen. Das Tor zur eigenen Erkenntnis ist geöffnet und wir dürfen alles spüren, was uns dort begegnet. Wenn man dann den ganzen Schmerz, die Hilflosigkeit, das unangenehme zur Last fallen, die Frustration aber auch die Verbindung, die Freundlichkeit und Wärme zulässt und spürt, was möglich ist – nicht nur im gegenseitigen Miteinander, sondern vor allem in der Begegnung mit sich selbst – dann entsteht Raum für mehr. Das Annehmen, dass die Situation jetzt nun mal so ist, das „sitzen“ damit und auch die Erinnerung an das grundlegende gut sein (mit dem was ist).

So passte es nur zu gut, dass abschließend an dem Tag auch von Santosha – eines der 5 Niyamas der Yoga Sutras nach Patanjali – gesprochen wurde. Man könnte es mit Zufriedenheit, Dankbarkeit oder „innerer Freude“ übersetzen. Und als ich da also in dem Raum mit all den anderen Yogis saß und mein „AUM“ recht krächzend begann, das dann aber doch immer klarer und einhüllender wurde, da spürte ich diese innere Freude, die sich mit meinem Klingen verweben wollte und sich immer weiter ausbreitete. Ich fühlte mich verbunden und bin mir sicher, dass unser Licht an diesem Tag weit über die Kita in Brandenburg an der Havel hinaus strahlte, in der wir alle zusammen gekommen waren, um einen gemeinsamen Freund und den Weg des Yoga zu feiern. Mehr Verbindung geht nicht – so kitschig das auch klingen mag und irgendwie hat das tatsächlich etwas in mir geheilt, trotz all der wunden Stellen.